J.K.M. Reichhardt

STAMPF · Leseprobe

Kapitel 1 und 2 · 16 Seiten

STAMPF · Leseprobe1

1. Inventar

»Nein«, sagte Clara. »Wenn wir den Satz stehen lassen, ist das keine Übergangsregelung mehr. Dann ist es eine Zusage.«

Auf dem Bildschirm schwiegen sechs Gesichter. In Kronach war es kurz nach fünfzehn Uhr, in New York erst kurz nach neun Uhr morgens. Auf dem Boden hinter Clara standen drei offene Kartons, die sie am Vorabend mit einem schwarzen Filzstift beschriftet hatte: BEHALTEN, VERKAUFEN, WEG. Die niedrige Kameraposition erfasste nur ihren Oberkörper und die Wand hinter ihr; die Kartons lagen unterhalb des Bildausschnitts.

Jemand öffnete das Mikrofon und begann mit: »Rein praktisch …«

»Rein praktisch ist der Unterschied in drei Monaten relevant.« Clara rief die betreffende Seite auf und markierte den Halbsatz. »Wir nehmen das hier heraus, setzen die Definition aus Abschnitt acht ein und schicken ihnen die bereinigte Fassung. Ohne Kommentar am Rand.«

»Bis wann?«

Clara blickte nicht auf die Uhr, sondern antwortete sofort: »Elf dreißig.«

»Unsere Zeit?«

»New Yorker Zeit«, sagte Clara.

Sie verteilte die nächsten Schritte, ließ sich zwei Termine bestätigen und strich einen Punkt von der Liste neben ihrer Tastatur. Auf dem fast leeren Wohnzimmertisch lag nur, was sie für die Konferenz brauchte: Laptop, Telefon, Notizblock, ein Glas Wasser. Normalerweise lag ein Läufer auf dem Tisch. Ohne ihn zeigte die Platte in der Mitte ein helleres Rechteck.

Als die anderen sich bereits verabschiedeten, blieb eine Kollegin noch im Bild.

STAMPF · Leseprobe2

»Clara? Soll ich den Call morgen übernehmen?«

»Warum?«

»Nur falls du hier noch …« Die Kollegin hob eine Hand und ließ den Satz unvollendet.

»Ich bin morgen dabei«, sagte Clara. »Schick mir vorher deine Punkte.«

Mit erhobener Hand verabschiedete Clara sich und klickte auf »Meeting beenden«. Als der Bildschirm schwarz wurde, sprang das Summen des alten Kühlschranks an, den man, obwohl er zwei Räume weiter stand, deutlich hören konnte. Clara blieb sitzen und las noch einmal ihre Notizen: drei Haken, ein Pfeil, zwei Uhrzeiten. Die bereinigte Fassung musste nicht von ihr selbst verschickt werden, aber sie öffnete trotzdem die Nachricht der Kollegin, änderte ein Wort und schrieb: So ist es eindeutig. Bitte senden.

Erst danach sah sie die Handcreme wieder.

Sie lag rechts neben dem Laptop, weil Clara sie vor Beginn der Konferenz aus dem Bad geholt und nicht hatte einordnen können. Eine weiße Tube, am Verschluss flach gedrückt, noch etwa halb voll. Für BEHALTEN war sie zu belanglos. Für VERKAUFEN war sie angebrochen. WEG stand weniger als einen Meter entfernt.

Als Clara den Deckel abschraubte, saß in der Öffnung ein getrockneter Rand. Sie strich ihn mit einem Stück Küchenpapier weg, schraubte die Tube wieder zu und legte sie in den Karton WEG.

Ihr Telefon vibrierte.

Danke. Geht jetzt raus, schrieb die Kollegin.

STAMPF · Leseprobe3

Clara antwortete mit einem Daumen, stand auf und nahm das Wasserglas, kehrte jedoch auf halbem Weg zur Küche um. Zwischen einer leeren Batterieverpackung und einem zerbrochenen Nachtlicht lag die Tube. Clara hob sie heraus, ohne die anderen Dinge zu berühren, und stellte sie neben den schwarzen Filzstift.

Im Flur lehnte das gerahmte Inventarblatt, das Clara am Morgen aus einem Schrank genommen hatte. Ihre Mutter hatte darauf vor Jahren handschriftlich Silberbesteck, zwei Teppiche und sechs Weingläser vermerkt. Neben den Weingläsern stand in Klammern: Bleikristall. Als könne ein korrektes Material verhindern, dass fünf davon im Keller verstaubten und das sechste auf der Fensterbank Zahnstocher sammelte.

Clara trug das Glas in die Küche. Im Kalender auf ihrem Telefon begann der nächste Termin in achtundzwanzig Minuten. Sie zog den Laptopstecker aus der Wand, wickelte das Kabel in drei gleichen Schlaufen auf und legte es in die Tasche.

Beim Termin wegen des Nachlasses saß Clara einer Frau gegenüber, die ihre Fragen von einem Formular ablas, und reichte jedes angeforderte Blatt herüber, bevor die Frau dessen Namen ganz ausgesprochen hatte. Beim dritten Mal hielt sie die Klarsichthülle schon halb über den Schreibtisch, ehe sie sie wieder zu sich zog.

Auf die Frage, was mit dem Haus geschehen solle, antwortete Clara: »Das ist noch offen.«

Die Frau schrieb etwas in ein freies Feld und legte die nächste Seite obenauf.

STAMPF · Leseprobe4

»Wird das Haus derzeit bewohnt?«

»Ich wohne bis Sonntag dort.«

Die Frau setzte ein Kreuz bei VORÜBERGEHEND BEWOHNT. »Und danach?«

»Danach nicht.«

»Dann leerstehend.«

Clara sah auf das vorgedruckte Wort. Im Wohnzimmer standen ihr Laptop und drei Kartons, im kleinen Arbeitszimmer ein geöffneter Koffer. Im Bad hing ihr Handtuch über der Heizung. Nichts davon widersprach dem Kreuz.

»Voraussichtlich«, sagte sie.

Die Frau schrieb das Wort in das freie Feld, ohne aufzusehen.

Clara unterschrieb an zwei markierten Stellen, notierte eine Frist und fragte nach einer Bestätigung. Als die Frau ihr eine Visitenkarte für Rückfragen reichte, steckte Clara sie in die Klarsichthülle zu den Unterlagen, nicht in ihre Geldbörse.

Um siebzehn Uhr zwölf stand sie wieder draußen.

Der nächste Block in ihrem Kalender hieß KÜCHE: OBERSCHRÄNKE und begann um achtzehn Uhr. Clara ging zum Marienplatz.

Auf dem Weg blieb sie hinter einem Lieferwagen stehen, der halb auf dem Gehweg parkte. Zwei Männer trugen Getränkekisten seitlich durch eine schmale Tür. Clara wartete, bis der Weg frei war.

An einer Kreuzung zeigte ihr Telefon noch siebenunddreißig Minuten bis KÜCHE: OBERSCHRÄNKE. Sie nahm nicht den kürzesten Weg.

STAMPF · Leseprobe5

Die Wärme hatte sich zwischen den Häusern gehalten. Es war Mittwoch, aber an den Tischen vor dem Eiscafé Miro saßen Familien, zwei Gruppen Jugendlicher und mehrere ältere Paare, die ihre Stühle so gedreht hatten, dass sie zugleich miteinander und mit dem Platz beschäftigt sein konnten. Die Sommerferien waren noch nicht vorbei. Ein Kind zog einen Roller zwischen den Tischen hindurch; sein Vater fing den Lenker ab, bevor er gegen einen Stuhl stieß, und setzte sein Gespräch fort, ohne die Hand vom Roller zu nehmen.

Clara blieb am Rand des Platzes stehen. Über den Dächern begann die Obere Stadt. Als Jugendliche hatte sie den Anstieg nie als Aussicht begriffen, sondern als Strecke, die man zu spät noch hinaufmusste. Jetzt sah sie nach oben, bis jemand hinter ihr höflich räusperte.

Sie trat zur Seite und suchte einen freien Tisch.

Das Miro war ihre Eisdiele gewesen, eine Formulierung, die ihr erst auffiel, als sie sich setzte. Natürlich war es nie ihre gewesen. Sie hatte hier nur oft genug Spaghettieis bestellt, dass sie die Entscheidung irgendwann nicht mehr als Entscheidung wahrgenommen hatte. Nach der Schule, samstags, einmal sogar an einem kalten Apriltag. An der Bestellung hatte sich nichts geändert.

STAMPF · Leseprobe6

Beim letzten Besuch mit ihrer Mutter hatte Clara ebenfalls Spaghettieis gegessen. Ihre Mutter hatte nur einen Kaffee bestellt und den Zucker so lange gerührt, bis der Löffel mehrmals gegen die Tasse schlug. Clara erinnerte sich an das Geräusch und daran, dass ihr Koffer neben dem Tisch gestanden hatte. Wenn jemand vorbeiging, hatte ihre Mutter eine Hand auf den Griff gelegt, obwohl der Koffer Clara gehörte. Worüber sie gesprochen hatten, wusste sie nicht mehr.

Sie sah zu dem Platz, an dem der Koffer gestanden haben musste. Dort saß jetzt ein Junge mit einem Fahrradhelm auf den Knien.

Am Nebentisch sagte eine Frau: »Beim Freischießen war er noch da.«

Ein Mann antwortete etwas, das Clara nicht verstand. Wenig später fiel die Bezeichnung am Tisch hinter ihr noch einmal, diesmal in einem Satz über eine Verabredung. Das Freischießen war seit zehn Tagen vorbei.

Clara legte ihr Telefon vor sich auf den Tisch. Es gab keine neue Nachricht, also öffnete sie den Kalender und verschob KÜCHE: OBERSCHRÄNKE auf achtzehn Uhr dreißig.

Eine Bedienung brachte die Karte. Clara schlug sie auf, obwohl sie schon wusste, wo das Spaghettieis stand. Die Namen waren größer gedruckt als früher oder ihre Augen schlechter geworden. Sie fand die Zeile und las trotzdem weiter.

»Wissen Sie schon?«

Clara legte den Finger auf die Karte. »Einen Stampf, bitte.«

Die Bedienung nahm die Karte an sich. Clara stellte den Timer ihres Telefons auf fünfundzwanzig Minuten.

STAMPF · Leseprobe7

Ein Hund rückte unter dem Stuhl seines Besitzers mit dem Schatten mit. Clara beantwortete eine E-Mail, die nicht dringend war, und öffnete anschließend die Liste für das Haus.

Mittwoch: Küche, obere Schränke, Vorräte.

Donnerstag: Wertstoffhof, Kellerregal, Rollladen prüfen.

Freitag: Schlafzimmer.

Vor dem letzten Wort stand kein Kästchen. Clara setzte eines davor. Dann verschob sie die ganze Zeile auf Samstag.

Das Schlafzimmer ihrer Mutter lag seit der Beerdigung hinter einer geschlossenen Tür. Clara hatte das Bad geleert, den Flurschrank, die Küche bis zur Höhe ihrer Schultern. Im Schlafzimmer war sie einmal gewesen, um das Fenster zu schließen. Sie hatte dabei das Licht nicht eingeschaltet und die Tür hinter sich offen gelassen.

Sie strich Samstag wieder durch und schrieb Freitag darüber.

Die Bedienung stellte den Stampf vor sie. Clara schob die Liste unter ihr Telefon. Der Timer lief noch.

Dann fiel ein Schatten über den Tisch.

»Seit wann isst du denn Stampf?«

Clara sah zuerst eine Hand, die ein Telefon hielt, und einen Hemdsärmel, zweimal sauber umgeschlagen. Als sie aufsah, erkannte sie Daniel. Sein Gesicht war schmaler geworden, an den Schläfen stand Grau. Das Gewicht verlagerte er noch immer auf den rechten Fuß, wenn er auf eine Antwort wartete.

Unter Claras Hand begann das Telefon zu vibrieren. Sie schaltete den Timer aus.

»Seit heute«, sagte sie.

STAMPF · Leseprobe8

2. Seit heute

Daniel legte die freie Hand auf die Lehne des Stuhls ihr gegenüber. »Darf ich?«

Clara sah auf das Telefon, obwohl der Timer schon aus war, denn der Termin für die Küchenschränke begann erst in vierzig Minuten.

»Fünf Minuten.«

»Mehr habe ich nicht gefragt.«

Er zog den Stuhl zurück und setzte sich. Sein Telefon legte er rechts neben die Zuckerdose, mit dem Display nach oben. Claras lag auf ihrer Seite des Tisches. Zwischen den beiden Geräten stand der Stampf.

Er deutete auf den Stampf. »Und?«

»Ich habe noch nicht angefangen.«

Als eine Bedienung an den Tisch kam, bestellte Daniel einen Kaffee.

»Es tut mir leid wegen deiner Mutter«, sagte er.

Clara drückte auf die Seitentaste, obwohl das Display bereits dunkel war.

»Danke.«

»Ich habe die Anzeige gelesen.« Daniel strich mit dem Daumen über die Kante seines Telefons. »Ich wusste nicht, ob ich dir schreiben soll.«

»Du hattest meine Nummer vermutlich nicht.«

»Das wäre lösbar gewesen.«

Clara nickte. Damit hatte er recht, und es half nicht. »Es haben genug Leute geschrieben.«

Seit der Beerdigung hatte sie fünfmal denselben Satz verschickt: Vielen Dank, das ist lieb. Beim sechsten Mal war ihr lieb falsch vorgekommen. Sie hatte es durch nett ersetzt und die Nachricht noch vor dem Senden gelöscht.

STAMPF · Leseprobe9

Daniel nickte. »Gut.«

Sein Kaffee kam, und er schob die Tasse näher zu sich, ohne sie noch anzusetzen.

»Und du?«, fragte Clara. »Was machst du an einem Mittwoch in Kronach?«

»Mein Vater hatte einen kleinen Eingriff. Er darf ein paar Tage nicht fahren.«

»Und deshalb fährst du.«

»Vor allem erkläre ich ihm, dass er nicht fahren darf.« Daniel hob die Tasse. »Fahren wäre einfacher.«

»Hat er dich gebeten zu kommen?«

»Er hat mir die Uhrzeit seiner Entlassung geschickt.«

»Das ist keine Bitte.«

»Für meinen Vater fast.« Daniel trank. »Als ich am Dienstag da war, stand seine Tasche fertig im Flur. Im Auto wollte er trotzdem selbst nach Hause fahren.«

»Nach einem Eingriff.«

»Er hatte auf dem Hinweg einen guten Parkplatz gefunden. Den wollte er nicht kampflos aufgeben.«

Daniel sagte es ohne Ärger. Nur beim Abstellen der Tasse setzte er sie so vorsichtig auf die Untertasse, dass nichts klirrte.

»Und jetzt kontrollierst du den Schlüssel«, sagte Clara.

»Zwei. Er hat einen Ersatzschlüssel, von dem ich offiziell nichts weiß.«

»Wo ist er?«

»Seit gestern nicht mehr dort, wo er ihn versteckt hatte.«

Clara wartete auf die Erklärung.

STAMPF · Leseprobe10

»Ich kontrolliere gründlich«, sagte Daniel.

Clara sah auf seine umgeschlagenen Ärmel. »Du arbeitest aber.«

»Natürlich.«

»Noch Börse?«

»Märkte, Firmenkunden, Frankfurt.« Er trank einen Schluck. »Dazwischen Hotels. Du?«

»Kanzlei, Mandate, New York.«

»Klingt gut.«

»Ist es auch.«

»Bei mir auch.«

»Trotz der Hotels?«

Daniel zuckte mit einer Schulter. »Die gehören dazu.«

»Wie viele?«

»Letzte Woche drei Nächte. Im August insgesamt fünf.«

»Du zählst.«

»Die Abrechnung zählt. Ich liefere nur die Belege.«

Clara kannte Hotelzimmer, in denen sie morgens einen Moment brauchte, um die Richtung zum Bad zu finden. Daniels Ledertasche war schmal genug für einen Laptop und zu schmal für Kleidung. Er musste noch etwas bei seinem Vater haben oder in Frankfurt gepackt haben, bevor er wusste, wie lange er blieb.

»Und zu Hause?«, fragte sie.

»Laufe ich zum Büro. Zehn Minuten, wenn die Ampeln mitmachen.«

»Du wohnst so nah an der Arbeit?«

»Absichtlich.« Er hob eine Schulter. »Ich mag Frankfurt.«

Clara hatte keine Abwertung erwartet. Trotzdem bemerkte sie, dass sie auf eine gewartet hatte.

»Bei mir sind es die Zeitzonen«, sagte sie.

»Die magst du auch.«

»Nicht alle gleichzeitig.«

STAMPF · Leseprobe11

Daniels Telefon leuchtete auf. Er sah hin und ließ es liegen. Fast gleichzeitig erschien auf Claras Display eine neue E-Mail; auch sie öffnete sie nicht.

Ein Mann, der vom Nachbartisch aufstand, blieb an Daniels Stuhl stehen. »Grüß deinen Vater.«

Daniel sah auf. »Mach ich.«

Der Mann nickte Clara zu, ohne sie zu erkennen, und ging mit einer zusammengefalteten Zeitung unter dem Arm über den Platz.

»Nachbar«, sagte Daniel, bevor Clara fragte. »Zwei Häuser weiter.«

»Von früher?«

»Von jetzt.«

Clara blickte dem Mann nach. Sie konnte nicht sagen, ob sie ihn jemals gesehen hatte. Daniel musste nichts über ihn erklären, um zu wissen, wohin der Gruß gehörte.

»Bist du oft hier?«, fragte Daniel.

»In Deutschland?«

»In Kronach.«

»Wenn es nötig ist.«

Er nickte. »Und sonst?«

Clara ließ ihn die Frage präzisieren.

»Gibt es jemanden?«

»Im Moment nicht. Bei dir?«

»Auch nicht.«

Daniel hob die Tasse, stellte sie wieder ab und sagte: »Es gab Beziehungen.«

»Bei mir auch.«

»Am Ende war ich zu viel unterwegs.«

»Bei mir war es die Arbeit.«

STAMPF · Leseprobe12

Daniels Antwort war so glatt wie ihre eigene. Clara sah ihn über den Rand des Stampfglases hinweg an. Sie erkannte die Haltung, in der er auf eine Reaktion wartete, und die kurze Bewegung am Mund, wenn er einen Satz nicht zurücknahm. An sein damaliges Gesicht erinnerte sie sich weniger genau. Sie hatte sich in New York nicht vorgestellt, wie Daniel älter wurde. Sie hatte ihn sich überhaupt nicht vorgestellt.

Jetzt verliefen zwei Linien von seiner Nase zu den Mundwinkeln. Am rechten Kinn saß eine kleine helle Stelle, die früher nicht dort gewesen war. Clara wusste nicht, ob sie von einer Narbe kam oder nur vom Licht.

Daniel hob die Augenbrauen. »Was?«

»Nichts.«

»Das war ein längeres Nichts.«

Clara nahm den Löffel. »Du hast graue Haare.«

Mit zwei Fingern strich Daniel über die rechte Schläfe. »Die sind schon bezahlt.«

»Von den Hotels?«

»Spesenfähig waren sie nicht.«

Clara schaltete ihr Display ein. Zwölf Minuten waren vergangen. Sie legte das Telefon wieder hin, ohne einen neuen Timer zu stellen.

STAMPF · Leseprobe13

Clara zog den Stampf etwas näher zu sich und begann zu essen. Das Eis am Rand war bereits weich geworden; darüber blieb ein Stück Krokant am Löffel hängen. Es löste sich erst zwischen ihren Zähnen. Der zweite Löffel schmeckte süßer als der erste.

Daniel sah nicht zu, wie sie entschied, ob ihr die Bestellung gefiel. Er sah zum Marienplatz. Zwei Kinder standen neben ihren Rollern und verhandelten darüber, wer zuerst bis zum anderen Ende des Platzes fahren durfte. Am Nebentisch wurde eine Rechnung geteilt.

Clara nahm einen dritten Löffel.

»Du kommst also her, wenn es nötig ist«, sagte er.

»Diesmal ist es nötig.«

»Wie lange bleibst du?«

»Bis Sonntag.«

»Für das ganze Haus?«

»Es ist fast leer.«

Daniel sah sie an, dann auf den Stampf. »Und das Miro ist Teil des Zeitplans?«

»Pause zwischen zwei Terminen. Außerdem ändert sich hier nicht viel. Die Familie hat immer noch ihre drei Eisdielen.«

»Hatte.«

Clara sah auf. »Was?«

»Drei. Es waren drei.« Daniel deutete mit dem Kinn zum Eingang des Cafés. »Miro und Fontana sind geblieben.«

»Und die Brüder?«

»Führen die beiden.«

»Seit wann?«

»Schon länger.«

STAMPF · Leseprobe14

Clara dachte an das Fontana, das Stammhaus. Die Einrichtung dort war schon retro gewesen, als sie noch zur Schule ging, und gerade deshalb hatte sie sie gemocht. Bei ihrem letzten Besuch war innen alles heller, glatter, neuer gewesen. Vernünftig vermutlich. Der alte Charme hatte trotzdem gefehlt.

Sie blickte zur Karte, die inzwischen wieder in einem Halter am Nachbartisch steckte, obwohl sie längst bestellt hatte. Erst nach einem Moment sah sie wieder zu Daniel.

»Du bist offenbar häufiger hier«, sagte sie.

»Mein Vater wohnt noch hier.«

»Meine Mutter hat auch noch hier gewohnt.«

Daniel stellte die Tasse auf die Untertasse, ohne etwas zu sagen. Am Nebentisch schob jemand einen Stuhl zurück.

Claras Telefon vibrierte, diesmal nicht wegen einer Nachricht aus New York. Die Mitteilung des Verleihs begann mit Leider: Der für Donnerstag reservierte Transporter könne nicht bereitgestellt werden, ein Ersatz sei frühestens am Freitagnachmittag verfügbar.

Als sie den Kalender öffnete, stand der Wertstoffhof am Donnerstag und das Schlafzimmer am Freitag. Samstag war ihr letzter voller Tag vor dem Rückflug.

»Problem?«, fragte Daniel.

»Nein.«

Clara verschob den Wertstoffhof auf Freitag, wodurch das Schlafzimmer auf Samstag rückte, und ließ die geänderten Zeiten stehen.

STAMPF · Leseprobe15

»Mein Transporter für den Wertstoffhof ist ausgefallen«, sagte sie.

»Was muss hin?«

»Ein Kellerregal. Elektrozeug. Ein paar Kartons aus der Küche.«

»Das Regal ist zerlegt?«

»Noch nicht.«

Daniel nahm einen Autoschlüssel aus der Hosentasche und legte ihn neben sein Telefon; an dem Ring hing ein abgeschabtes Stück schwarzes Plastik. »Mein Vater hat einen Kombi.«

»Dein Vater darf nicht fahren.«

»Der Kombi schon.«

»Ich finde einen anderen Verleih.«

»Bestimmt.« Er nahm den Schlüssel nicht zurück. »Morgen früh?«

Clara sah wieder auf den Kalender. Die verschobenen Termine blieben auf Freitag und Samstag. Sie konnte den Abend mit weiteren Anfragen verbringen und am Morgen trotzdem ohne Fahrzeug dastehen.

»Und der Kombi?«

»Die Rückbank lässt sich umlegen.«

Clara sah auf den abgeschabten Schlüsselanhänger. »Ich kann selbst fahren.«

»Glaube ich dir. Das Auto ist nur nicht vollständig selbsterklärend.«

»Das klingt vertrauenerweckend.«

Daniel nahm einen Schluck Kaffee.

Clara schloss den Kalender. »Acht Uhr dreißig.«

Daniel nahm den Schlüssel vom Tisch. »Wo?«

»Am Haus.«

»Das finde ich noch.«

Sein noch störte sie stärker als die Korrektur mit den Eisdielen. Clara öffnete einen neuen Kontakt auf ihrem Telefon. »Nummer?«

STAMPF · Leseprobe16

Daniel nannte sie. Sie tippte die Ziffern ein, ließ es einmal bei ihm klingeln und legte das Telefon zurück auf den Tisch. Auf seinem Display erschien ihre Nummer.

Daniel trank den Kaffee aus und stand auf. »Dann morgen.«

»Wegen des Wertstoffhofs.«

»Wegen des Wertstoffhofs.«

Er nahm sein Telefon und ging über den Marienplatz. Den Stuhl schob er nicht ganz an den Tisch; die Lehne blieb schräg zu Claras Platz stehen.

Clara sah auf die Uhr. Aus den fünf Minuten waren zweiunddreißig geworden. KÜCHE: OBERSCHRÄNKE begann in acht Minuten. Sie hätte den Rest des Stampf stehen lassen können. Am Glas war das Eis inzwischen so weich, dass es unter dem Löffel nachgab, ohne seine Form zu halten.

Clara aß trotzdem weiter.

Die Bedienung nahm Daniels Tasse und richtete den freien Stuhl beiläufig aus. Auf dem Tisch blieb ein heller Kreis, wo die Untertasse gestanden hatte. Clara strich nicht darüber.

Daniels Nummer stand jetzt unter seinem Namen. Clara verschob KÜCHE: OBERSCHRÄNKE auf neunzehn Uhr, schob das Schlafzimmer zurück auf Freitag und setzte den Wertstoffhof auf Donnerstag, 8.30 UHR.

Bevor sie aufstand, aß Clara den letzten Löffel. Das Stück Krokant darin hatte sich aufgelöst.

STAMPF · Leseprobe17

3. Wertstoffhof

Um acht Uhr siebenundzwanzig stand Clara vor dem Haus und kontrollierte zum zweiten Mal die Stapel neben der Tür: PAPPE, ELEKTRO, SCHROTT. Den Inhalt des bisherigen Kartons WEG hatte sie nach Material verteilt, ein eigener Karton aus der Küche trug KÜCHE – WEG. Das Metallregal stand noch im Keller; daneben lagen ein breiter Schraubendreher und eine Zange, mehr Werkzeug hatte sie dort nicht gefunden. Um acht Uhr achtundzwanzig bog ein grauer Kombi vor das Haus, und der Motor klang in der engen Einfahrt wie ein kurzes Signal für den Start. Clara hatte mit einem alten Auto gerechnet, nicht damit, dass es so kurz war; Daniel parkte, stieg aus und nahm sein Telefon und eine schmale Ledertasche vom Beifahrersitz. Zum hellen Hemd trug er dunkle Hosen und Schuhe, die für einen Wertstoffhof zu gut und für Frankfurt vermutlich unauffällig waren.

Weiterlesen bald in STAMPF.